Gossip

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13.01.2014
SHANTARAM
"Wenn's laft, doann lafts" sagt man locker und beschreibt damit einen Zustand des Ichs, den Mensch nicht aufgeben will und an den man nicht denkt, wenn er ist.
For once, I'm posting an entry in German. For the English version please go to www.rockandice.com/lates-news/bernd-zangerl-sends-shantaram-v16-hardest-boulder-problem or get the latest print magazine of Rock & Ice, published on Jan 16.
 
"Wenn's laft, doann lafts" sagt man locker und beschreibt damit einen Zustand des Ichs den Mensch nicht aufgeben will und an den man nicht denkt, wenn er ist. Es ist eben die eigentümliche Natur des Denkens, dass wir uns erst damit beschäftigen wenn es einmal "nit so laft". Dann kramt unser egoistisches Bewusstsein allerhand Rationalisierungen aus dem Geiste und versucht Erklärungen zu finden, zu verstehen, damit der perfekte Zustand so schnell wie möglich wieder hergestellt werden kann. Das egoistische Denken wird dies aber nicht herbei führen können, und schon die alten chinesischen Philosophen haben von einem nicht wollenden Willen gesprochen der zur Erreichung des perfekten Zustands notwendig ist. Vielleicht genügt aber auch nur ein Stück Fels, ein intuitives aufblitzen der Gegenwärtigkeit - der Ursprung allen Wollens - und alle Energiereserven werden mobilisiert. In den Motiven unseres Wollens liegt also der Schlüssel, der die Konzentration zu bündeln vermag und Mensch über sich hinauswachsen lässt.
 
Viele Felsen haben mich während meiner 14-jährigen Boulderreise schon inspiriert. Dieser Findling, malerisch idyllisch entlegen auf einer kleinen Vorinsel der Kommune Osen (Trondheim) stellte wortwörtlich alles Bisherige in seinen Schatten. Allein die Griffergonomie lässt jedes Boulderherz höher schlagen. Im 23 Griffe zählenden Sortiment besten norwegischen Granits befindet sich keine schmerzhafte Struktur, was bei Boulders im High Endbereich heutzutage eine Seltenheit darstellt und den Spassfaktor um ein Vielfaches erhöht. Die perfekte Anordnung der Haltepunkte im 45grad steilen bis waagrechten Dachbereich führt zu einer harmonischen und abwechslungsreichen Aneinanderreihung athletischer Bewegungen, nur unterbrochen von einer extrem schweren vier Züge Sequenz, die die Hauptschwierigkeit von Shantaram darstellen. Nach 22 Züge erreicht man den Henkel, der das Ende der Schwierigkeiten darstellt und die restlichen zehn Klettermeter zum Top sind krönende Zugabe. Vor drei Jahren zeigte mir Torstein Eide dieses norwegische Juwel. Damals gab ich mich mit dem Ausbouldern der Sequenzen zufrieden. Ein Zusammenhängen derart vieler schwerer Moves sprengte mein Vorstellungsvermögen, erschien mir utopisch. Die Kontinuität der Schwierigkeiten stellte für mich ein neues Maß an Belastung dar.
 
Im Frühjahr 2012 WOLLTE ich es wissen. Nachdem ich den 24 Züge zählenden NORMOPATH ( 8b+) erstbegehen konnte und mir auch eine Wiederholung des Kraftausdauerproblems "RAGTIME" (8b+) am schweizerische Wallensee gelang, fuhr ich hochmotiviert nach Norwegen. Fünf Wochen später trat ich mit schmerzenden Ellbogen wieder die Heimreise an. Dieses Frühjahr war ich mir nicht so sicher über mein WOLLEN. Nach sieben Monaten on the rocks war das Feuer etwas erloschen, die Müdigkeit in den Knochen zu spüren. Dennoch tauchte immer wieder dieser Findling in meinen Gedanken auf. Ein kurzes Telefongespräch mit Torstein und sein kurzer advice "You should come!" genügten: eine Woche später war ich auf meiner Insel. Der Blick schweift über die unendlichen weiten des Ozeans, lässt die stürmenden Gedanken in mir zur Ruhe kommen. Die Mischung von Fels und Wasser, kombiniert mit Ruhe und Einsamkeit haben etwas Magisches an sich. Der Zauber wirkt.
 
Vielleicht liegt die Antwort auf die eingangs gestellte Frage in der Reinheit des Strebens selbst? Jedenfalls waren mir die Götter wohlgestimmt und nach fünf Wochen intensiven Probierens erreichte ich den Austiegshenkel von SHANTARAM. Ich taumelte die restlichen 10 Meter zum Top, liess meinen Blick in die Ferne schweifen. Egal welche Nummer zukünftig mit dem Namen Shantaram in Verbindung gesetzt wird, die Erstbegehung am 11. Juni 2013 und der Weg dorthin gehören zu den intensivsten Momenten meines Kletterlebens und sind vielleicht sogar mein Highlight.
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